Freilassung

Ein flügger aber noch bettelnder Mauersegler ist nicht ausreichend vorbereitet auf ein Leben in der Freiheit. Er ist noch zu verspielt, fehlgeprägt und würde vom ersten Greifvogel erbeutet werden. Dieser Vogel muss entwöhnt werden, darf so nicht starten!

Der Start in die Freiheit

Ihr Segler ist gesund, gut genährt und flügge? Gratulation, dann ist es fast geschafft. Der schönste und aufregendste Moment der Pflege/Aufzucht steht bevor. Auch wenn manchen die bange Frage quält, ob sein unerfahrener Pflegling zurecht kommt?
Keine Sorge, ja das wird er.
Bevor Sie einen Mauerseglerpflegling wieder starten lassen, bitte auf die aktuelle Wetterlage achten, vor allem wenn aufgrund der schlechten Wetterlage alle Nichtbrüter abgezogen sind. Unwetterwarnungen für Deutschland: unwetterzentrale.de

Mauersegler sind sofort nach dem Ausfliegen selbständig, sie werden von den Altvögeln nicht mehr gefüttert, meistens bekommen die Altsegler den Abflug der Jungvögel garnicht mit. Naturbruten fliegen gerne abends aus, wenn es bereits dämmrig ist, die Altvögel übernachten dann oftmals garnicht mehr im Nistplatz sondern sind bereits mit der Seglerkolonie der Umgebung aufgezogen. Man kann sie an schönen Abenden beobachten, wie sie immer höher in den Himmel ziehen, um dort als kleinste Punkte zu verschwinden. Fliegt der Jungsegler vorher aus, wird er von der ortansässigen Seglerkolonie begleitet, der Ausflug entgeht ihnen dann nicht.

Ein Jungsegler ist flügge, wenn er alle seine Federspulen verloren hat. Für den Start muss er aber auch gesund sein: Blasse, fast weiße Füße, heller Rachen, müde Augen deuten auf einen Vitaminmangel hin: Dann ist der Segler nicht gesund!
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Dieser Jungsegler (Sally 2001) ist zwar flügge und mit 47g gut genährt, hat aber einen erkennbaren Vitaminmangel des B-Komplexes.
Der Blick ist müde, die Füße blaß, wie auch der Rachen. Dieser Segler ist kraftlos, trainiert nur ungerne, alleine garnicht. Sally wurde mit minderwertigen Heimchen aufgezogen. Eine subkutane Verabreichung von Vitamin B Komplex und abwechslungsreiches Futter über 10 Tage reichten aus, auch sie konnte noch starten.

Über das Startgewicht gibt es viele Meinungen, wichtig ist, dass bei Ihrem Mauersegler das Brustbein gut eingebettet ist in Muskeln. Steht es hervor, gleicht einem Schiffsbug, dann ist der Segler zu dünn, evtl. auch krank. Mauersegler haben in der Regel ein Startgewicht von ca. 45-50g, gutes Nahrungsangebot vorausgesetzt (Naturbruten), es gibt aber auch kleinere Segler.

Wenn Sie nicht sicher sind, ob der Segler gut genug genährt ist, hier noch ein paar Angaben zur Größe und Gewicht, es handelt sich hierbei um meine Richtwerte für die Mauersegler, wobei ich die Vögel nicht vermesse sondern fühle und wiege. Aber das ist ein Erfahrungswert und so nicht zu vermitteln.

Man misst die Körpergröße des Seglers von der Schnabelspitze bis zur längsten Schwanzfeder, gerade über den Rücken
Ca. heißt bei mir +/ = egal, – /= maximal 2g

Mauersegler mit Größe von 18cm sollten ca. 45g wiegen,
Mauersegler mit Größe von 17cm sollten ca. 40g wiegen,
Mauersegler mit Größe von 16cm sollten ca. 36g wiegen,
Mauersegler mit Größe von 15cm (sehr klein) sollten ca. 34g wiegen.

Für gesunde Altsegler ist ein Startgewicht von 38g kein Problem, bei gutem Wetter, auch hier wieder das Brustbein beurteilen vor dem Start.

 

Wer schon des öfteren Mauersegler aufgezogen hat konnte sicher schon beobachten, dass manche direkt nach dem Start schon beginnen Insekten zu jagen, diese Fähigkeit ist ihnen angeboren. Wir brauchen uns also nicht zu sorgen, die Sorge gilt denen die aus verschiedensten Gründen noch nicht starten können.

Grundvoraussetzung für einen Start ist gutes Wetter. Bei erfahrenen Altseglern sollte mindestens am Starttag das Wetter trocken, nicht stürmisch sein.

Wenn Sie einen Altsegler gepflegt haben, brauchen Sie ihn nicht zum Fundort zurückzubringen. Er kennt den Weg und ist schnell wieder in seiner “Heimatkolonie”.

Die Zugroute der Mauersegler geht von uns in Richtung südwest, also Südfrankreich/Spanien. Man sollte prüfen, dass von dort ruhiges, warmes Wetter angesagt ist, d.h. kein Dauerregen bei 16 Grad. Kleinen, örtlichen Regengebieten können die Mauersegler ausweichen, nicht aber großen Tiefausläufern. Dauerhaft schlechtes Wetter ist der größte Feind der Mauersegler. In der Hauptsaison ab Mitte Juli, wenn die meisten Jungsegler starten, sammeln sie sich zu kleinen Trupps und ziehen bereits kurz darauf in Richtung Winterquartier. Spätbruten können bei gutem Wetter noch bis Ende September, manchmal bis in den Oktober hinein freigelassen werden. Auch das hängt vom Wetter ab, man sollte beobachten ob noch Mauersegler gesichtet werden.

Nehmen Sie zusätzlich Kontakt auf zu Mauerseglerpflegestellen, fragen sie ob gleichaltrige Jungsegler in Pflege sind. Hier wäre eine schnelle Zusammmenführung für die Jungsegler am besten, sofern möglich. Läßt das Wetter keinen Start mehr zu, suchen Sie nach einer Gelegenheit den Vogel in Richtung Frankreich zu bringen. Warten sie nicht bis der Segler völlig abgemagert ist weil er die Nahrung verweigert, sondern suchen Sie umgehend nach Hilfe.

 

Wie startet ein Mauersegler?

Mauersegler die aus den natürlichen Brutplätzen ausfliegen sacken nach dem Start meist 1-2m in die Tiefe, um dann kräftig hochzuziehen. Ein gesunder Segler schafft es aber auch vom Boden zu starten. Wir sollten ihm auf freier Fläche eine “kleine Höhe” anbieten, indem wir ihn auf die flache, erhobene Hand setzen. Ob er startet oder nicht muss seine Entscheidung bleiben. Der Mauersegler selber weiß am besten ob der Zeitpunkt gut gewählt ist oder nicht.

Folgende Gefahren birgt ein Seglerstart:
Greifvögel (Sperber, Falken) die in der Nähe sind, können einem startenden unerfahrenen Segler sehr gefährlich werden. Beobachten Sie vor dem Start genau die Umgebung.
Absturz und das Problem ihn nicht wiederfinden zu können: Falls Sie Bekannte und Freunde mitnehmen können, möglichst viele und mit Fernglas, in der Umgebung verteilt beobachten lassen.

In den vielen Jahren habe ich einige Startmöglichkeiten praktiziert, angefangen auf einem eingezäunten Sportplatz. Er ist gut geeignet, wenn der Segler nicht ausreichend gut fliegt, kommt er nicht über den Zaun. Stellen Sie sich in die Mitte, falls es windig (nicht stürmisch) ist, gegen den Wind. Setzen Sie den Vogel auf die flache Hand und halten den Arm geduldig nach oben. “Verwöhnte Einzelkinder” scheinen manchmal garnicht begeistert von dieser Idee. Wenn Ihnen der Arm weh tut, versuchen Sie es besser in ein bis zwei Tagen noch einmal. Einmal die Freiheit gespürt, wird der Segler gegen Abend vermutlich schon zu Hause, in seiner Box, seine Meinung ändern.

Auch auf großen, freien Feldern habe ich bereits Mauersegler starten lassen. Sie verschwinden irgendwann vor Bäumen und Büschen, man kann sie dann nur noch schlecht beobachten, sofern sie nicht gleich steil aufsteigen. Störend waren hier auch oft Schwalben, die den startenden Jungsegler vermutlich mit einem Greifvogel verwechselten und deshalb attackierten. Dadurch wird der Jungsegler stark irritert, deshalb habe ich diese Form des Startens verworfen.

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Wenn auch Kinder bei der Aufzucht nicht helfen sollten, in diesem Alter dürfen sie einen Mauersegler starten lassen. Man sollte allerdings den Segler nicht durch laute Stimmen und herumzeigen vor dem Start verängstigen oder irritieren. Ganz ruhig und geduldig wird der Arm nach oben gehalten, eine Leiter hilft ein wenig mehr an Höhe zu gewinnen, sind ja doch noch ein wenig zu klein die Sprößlinge. Die Jungsegler setzen vor dem Start noch einmal dünnen “Stresskot” ab, darauf ist der Starter bzw. vor allem das Starterkind gut vorbereitet: Der Arm bleibt oben, es wird nicht “gezuckt”, sondern ausgehalten! Nach zwei Seglerstarts hatte meine Tochter die Lust verloren.

Meine jetzigen Pfleglinge starten alle aus freien Seglernistplätzen, bei Einbruch der Dämmerung. Hierzu muss ich allerdings vorher testen, ob sie auch flugfähig sind. Dazu steht mir ein ca. 3,50 x ca. 8m langer, freier Raum zur Verfügung. Sie starten von einem Ende des Raumes, auf dem Boden sitzend an einen Vorhang, der 30cm vor dem Fenster auf der anderen Seite gespannt ist. Flugfähig können sie so aus 8m Höhe einen optimalen Seglerstartplatz nutzen, auch bestimmen sie den Zeitpunkt selber. Bisher sind allerdings alle Jungvögel ausgeflogen, manche gleich, viele haben sich erstmal umgeschaut.
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Laila und Joy starteten vom “Seglerschornstein” unseres Hauses, aus 6m Höhe im Juli 2003.

Falls Sie diese Möglichkeit wählen möchten, ein Balkon/Fenster mit freiem Abflug und angemessener Höhe ist auch geeignet. Ein größerer Raum, in dem Möbel zur Seite geschoben werden, Kanten abgedeckt sind, Fenster mit Gardinen verhangen sind und man den Segler einfach auf den Boden setzt ist nötig, zu testen ob er fliegen kann. Ein langer Flur, am Ende ein Fenster das gut gepolstert ist mit einem Vorhang ist auch sehr nützlich. Den Vogel unbedingt vom Boden aus fliegen lassen, manchmal klappt es nicht beim ersten Versuch, ein gesunder Mauersegler ist aber in der Lage vom Boden zu starten. Wichtig ist, dass keine Verletzungsgefahr für den Segler besteht.

Keine leichte Entscheidung, der eingezäunte Sportplatz ist auf jeden Fall sehr gut zu nutzen. Hier würde ich den Segler in den Mittagsstunden freilassen, erfahrungsgemäß sind dann keine Greifvögel unterwegs. Bei großer Hitze ist dieser Zeitpunkt allerdings ungünstig.

Wenn Ihr Mauersegler eher träge ist, aber gesund, lassen sie ihn vor dem Start klettern, allerdings nur unter ständiger Aufsicht und bereit ihn abzufangen. Eine Gardine oder eine Wolldecke an der Wand befestigt sind dazu gut geeignet. Es motiviert den Segler, setzen Sie ihn immer wieder nach unten damit er klettert. Auch in den natürlichen Brutplätzen üben die Jungsegler schon recht frühzeitig, trainieren durch “Liegestütze” die Flugmuskulatur. Die meisten Jungsegler üben auch schon in unserer Obhut.

 

Wenn Sie immer noch Zweifel haben ob Ihr Segler gesund und startklar ist, dann nehmen Sie bitte unbedingt sofort Kontakt zu anderen Seglerstationen auf, tauschen Sie sich aus. Auch wenn Sie nach einem ode mehreren Startversuchen den Eindruck haben, dass der Segler nicht fliegen kann, suchen Sie bitte unbedingt sofort Hilfe bei Seglerstationen. Auf keinen Fall dürfen Sie ihren Pflegling aus falschgemeinter Tierliebe behalten, weil Sie glauben er kommt alleine nicht klar. Heute gibt es soviele Möglichkeiten Hilfe von erfahrenen Seglerpflegern zu erhalten, man muss sie nur nutzen.

 

Ich wünsche Ihrem Mauersegler einen gelungenen Start in ein langes Seglerleben.

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Mein erster Mauersegler, 1990 aufgezogen in Nassenerfurth. Der Beginn einer unendlichen Freundschaft.